Zum Inhalt springen

Beitrag

LexBeat #1: KI-Agenten im Rechtsmarkt – und wer sie kontrolliert

KI-Agenten lesen Klageschriften, recherchieren und schreiben den Schriftsatz gleich mit – der Mensch prüft nur noch an festgelegten Kontrollpunkten. Was das für Berufseinsteiger, Kanzleien und eine Justiz bedeutet, die nicht im selben Tempo aufrüstet.

Angelo Aratari8 Min. Lesezeit

Dunkles, KI-generiertes Editorial-Motiv mit einer metallischen Darstellung des OpenAI-Logos, Aktenmappen und einem Laptop. Das Bild illustriert die Verbindung von künstlicher Intelligenz und juristischer Arbeit.
OpenAIs neues "Astra for Law"

Mit diesem Beitrag startet die Rubrik LexBeat im Magazin des German Legal Tech Summit. Sie erscheint voraussichtlich alle zwei Wochen und ordnet aktuelle Entwicklungen im Rechtsmarkt ein. Im Mittelpunkt stehen die sieben Themenfelder des Summits: KI-Agenten, KI-Governance, digitale Justiz, Cybersecurity und souveräne KI, Legal Operations, Future Skills sowie Startups und Investment. Die erste Ausgabe befasst sich mit KI-Agenten in der juristischen Arbeit.


Die neue Arbeitsteilung

In den vergangenen Wochen haben fast alle großen Anbieter im Rechtsmarkt sogenannte KI-Agenten vorgestellt. Das sind keine Chatbots mehr, die auf eine Frage antworten. Das sind Systeme, die eine Klageschrift lesen, eine Strategie vorschlagen, recherchieren und den Schriftsatz gleich mitschreiben. Der Mensch kommt an festgelegten Kontrollpunkten ins Spiel: Er genehmigt den Plan, prüft die Recherche, unterschreibt am Ende. Die Kontrolle ist also nicht verschwunden. Sie ist nur an andere Stellen gewandert.

Genau darin liegt ein Problem, über das kaum jemand spricht. Die Arbeit zwischen den Kontrollpunkten war bisher die Arbeit der Berufseinsteiger. Jeder dritte Personalverantwortliche will bis 2030 weniger Einsteiger einstellen.1 Wer aber nie selbst 40 Stunden an einem Schriftsatz gesessen hat, woran soll der in zehn Jahren erkennen, dass der Agent danebenliegt? Kontrolle braucht Erfahrung. Und Erfahrung entsteht durch genau die Arbeit, die gerade automatisiert wird.

Dazu kommt eine zweite Schieflage. Kanzleien rüsten auf, die Justiz nicht im selben Tempo. Gerichte bekommen schon heute in einfachen Zivilverfahren KI-Schriftsätze mit Hunderten Seiten.2 Wenn auf der einen Seite Agenten schreiben und auf der anderen Seite Richterinnen und Richter mit dem Textmarker lesen, ist das keine Waffengleichheit mehr.

Nichts davon spricht gegen KI im Recht. Sie kann Verfahren schneller und Recht zugänglicher machen. Aber wir brauchen ein Bild davon, wie Ausbildung, Kanzleialltag und Justiz in drei bis fünf Jahren aussehen sollen, bevor die Technik es für uns entscheidet.

Versprechen und Wirklichkeit

Wer verstehen will, wie sich juristische Arbeit gerade verändert, muss in die USA schauen. Am 17. September hat OpenAI „Astra for Law“ vorgestellt: sein stärkstes Modell, eingestellt auf juristische Arbeit, mit eigenem Suchindex für Urteile, Gesetze und Verfahrensregeln. Zum Start gibt es 26 Plugins von Partnern wie Thomson Reuters, iManage, Harvey und Legora. Bei 200 Rechercheaufgaben zum US-Recht schnitt das Modell laut OpenAI um 40 Prozent besser ab als dieselbe KI mit normaler Websuche. Einen Vergleich mit den klassischen juristischen Datenbanken gibt es allerdings nicht.3

Was das praktisch heißt, haben Harvey und LexisNexis Anfang Oktober gezeigt. Ihr neuer Workflow für Anträge auf Klageabweisung funktioniert so: Man lädt die Klageschrift hoch. Ein Planungsagent schlägt bis zu acht mögliche Angriffspunkte vor und bewertet jeden nach Stärke. Die Anwältin genehmigt die Strategie, weitere Agenten recherchieren, ein letzter Agent schreibt den Entwurf. Bisher braucht ein Associate für so einen Antrag typischerweise 40 bis 50 Stunden.4

In derselben Woche kündigte die US-Kanzlei Cooley an, mit Google einen Agenten zu bauen, der Gerichtsakten nach vertraulichen Daten durchsucht und Schwärzungen vorschlägt. Was am Ende geschwärzt wird, entscheiden Anwältinnen und Anwälte.5 Und AT&T lässt seine neue interne Rechtsagentur LegalEdge gemeinsam mit OpenAI KI-Workflows entwickeln.6 Die großen KI-Labore verkaufen nicht mehr nur an Softwareanbieter. Sie gehen direkt in Kanzleien und Rechtsabteilungen.

In Deutschland ist die Entwicklung angekommen, nur leiser. BMW führt Legora in seiner gesamten Rechtsabteilung ein: für Recherche, Vertragsprüfung, Prozessmanagement und erste Entwürfe auf Basis der eigenen Standards, direkt in Word. Legora hat Ende September ein Büro in München eröffnet. Nach eigenen Angaben arbeiten in Deutschland inzwischen über 13.000 Juristinnen und Juristen mit dem Programm. Zu Jahresbeginn waren es rund 3.000.7 Auch die Fachverlage bauen um: Wolters Kluwer hat internationale Inhalte zu Schiedsverfahren, Kartell- und IP-Recht in seinen KI-Arbeitsplatz Libra eingebunden, in elf europäischen Ländern.8 Die Logik dahinter: Ein Agent ist nur so gut wie die Quellen, auf die er zugreift.

Zur Wahrheit gehört, dass zwischen Pressemitteilung und Kanzleialltag eine Lücke liegt. Das Fachportal Artificial Lawyer stellt fest, dass die meisten Großkanzleien längst KI-Werkzeuge nutzen, sich an ihrer Arbeitsweise aber kaum etwas geändert hat.9 Ein naheliegender Grund ist das Geschäftsmodell: Wer nach Stunden abrechnet, hat wenig Anreiz, aus 40 Stunden vier zu machen. Law.com berichtet außerdem, dass versprochene Schnittstellen zwischen den Tools oft nicht so funktionieren wie verkauft. Genau solche Lücken erhöhen das Risiko für Datenlecks.10

Der Druck kommt deshalb von den Mandanten. AT&T will seine Liste externer Kanzleien in zwei Jahren von rund 30 auf 18 bis 20 kürzen und Kanzleien bevorzugen, die selbst KI einsetzen.11 Und am anderen Ende der Agenten steht die Justiz. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig sagte kürzlich der Rheinischen Post: „Es kann nicht sein, dass Gerichte förmlich zugeschüttet werden mit unstrukturiertem KI-Text.“12 Ihr Ministerium will innerhalb eines halben Jahres eine Reform vorlegen, damit Gerichte den Parteien klare Vorgaben machen können, wie sie vortragen.13

Die Lösungen liegen auf dem Tisch, sie sind nur unbequem. Kontrollpunkte, die tatsächlich prüfen und nicht nur abnicken. Eine Ausbildung, in der junge Juristinnen und Juristen lernen, einen Agenten zu prüfen, statt nur von ihm ersetzt zu werden. Die US-Kanzlei Ropes & Gray lässt Erstjahres-Associates dafür rund 20 Prozent ihres Stundensolls für KI-Training nutzen.14 Und eine Justiz, die selbst mit leistungsfähiger KI ausgestattet ist. Der Agent schreibt in Minuten. Die Unterschrift bleibt menschlich. Die Frage ist, ob der Mensch dahinter noch weiß, was er unterschreibt.

Ausblick bis zum Summit im Dezember

Heute und morgen trifft sich die Branche auf der Legal Geek in London, am 25. und 26. Oktober folgt die ClioCon in Boston, am 4. und 5. November die Legal Innovators UK. Spannend wird, ob Kanzleien dort zeigen, was die Agenten im Alltag wirklich leisten, oder ob es bei Demos bleibt.

Am 19. November tagt die Justizministerkonferenz in Hamburg. Für den Herbst ist auch der nächste Bund-Länder-Digitalgipfel der Justiz angekündigt. Der Bund will von 2027 bis 2029 insgesamt 210 Millionen Euro für die Digitalisierung der Justiz geben.15 Das klingt nach viel, sind aber 70 Millionen im Jahr für die Justiz von Bund und sechzehn Ländern. Die Reform des BMJV gegen KI-Schriftsätze wird spätestens im Frühjahr erwartet.

Am 3. Dezember kommt der German Legal Tech Summit ins HCC Hannover. Dort lassen sich drei der hier vorgestellten Lösungen aus nächster Nähe erleben: Harvey, Legora und Libra, der KI-Arbeitsplatz von Wolters Kluwer, sind als Aussteller vor Ort. Im Themenfeld Agentic Legal AI zeigt der Summit konkrete Anwendungen für Recherche, Vertragsanalyse und Dokumentenerstellung – ein guter Rahmen, um die Fragen dieses Beitrags direkt mit Anbietern und Anwendern zu vertiefen.
Auch die Justiz, die in diesem Beitrag eine zentrale Rolle spielt, kommt zu Wort: Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies spricht über Digital Justice, Demokratie und den Zugang zum Recht.

Zahlen der Woche

15,5 Milliarden Dollar – so hoch wird das US-Unternehmen Harvey nach seiner neuen Finanzierungsrunde bewertet. Am 9. September sammelte es 550 Millionen Dollar ein, im März waren es 200 Millionen bei 11 Milliarden. Der Jahresumsatz liegt bei rund 400 Millionen Dollar, die Bewertung hat sich in gut einem Jahr mehr als verdreifacht. Wofür das Geld? Laut COO Katie Burke vor allem für zwei Dinge: Personal und Rechenleistung, denn Harvey erwartet im kommenden Jahr ein Wettrennen um Rechenzentren. Ob das eine Blase ist, wird in der Branche offen diskutiert.16 Sicher ist: Wer die Rechenleistung kontrolliert, bestimmt mit, was juristische Arbeit künftig kostet.

79 Prozent – so viele Führungskräfte in Unternehmen können nicht verlässlich erklären, warum ihre Verträge die Klauseln enthalten, die sie enthalten. Das ergab eine Censuswide-Umfrage im Auftrag von Luminance in Großbritannien, den USA, Frankreich und Deutschland. 98 Prozent berichten von finanziellen oder operativen Folgen, wenn Vertragswissen verloren geht. Nur 26 Prozent können ihren gesamten Vertragsbestand schnell und verlässlich durchsuchen.17 Genau dort setzt Document Intelligence an. Zur Wahrheit gehört: Die Studie kommt von einem Anbieter, der genau diese Lösung verkauft.

33 Prozent – so viele erfahrene Fachleute im Rechtsbereich vertrauen den Ergebnissen ihrer KI. Gleichzeitig hat fast die Hälfte der Rechtsorganisationen KI bereits fest in ihre Abläufe eingebaut.18 Jede zweite nutzt sie, jede dritte Fachkraft traut ihr. Das ist kein Technikproblem. Das ist ein Vertrauensproblem, und Vertrauen entsteht nicht durch eine Pressemitteilung.

36 – so viele Seniorpartner hat die US-Kanzlei Vorys inzwischen als KI-Persona nachgebaut, gemeinsam mit einem Lab der Stanford Law School. Kolleginnen und Kollegen können die digitalen Partner Dokumente prüfen, Änderungen vorschlagen und Vertragsrisiken markieren lassen. Als Nächstes sollen Personas der Rechtsabteilungen von Mandanten folgen.19 Das Wissen der Erfahrenen wird konserviert. Offen bleibt, wo die nächste Generation Erfahrener herkommen soll.

Lesetipps und Kurzmeldungen

Wer tiefer einsteigen will: Legal IT Insider hat die Vorstellung von Astra for Law ausführlich aufgeschrieben, samt der Frage, wie viel eines Arbeitsablaufs die KI erledigt, bevor ein Mensch eingreifen muss.20 Artificial Lawyer erklärt in „Legal AI vs The Adversarial Incentive“, warum Großkanzleien trotz KI kaum anders arbeiten.21 Und bei LTO steht die ganze Debatte über KI-Schriftsätze und die geplante Reform des Prozessrechts, mit Stimmen aus allen Bundestagsfraktionen.22

Noch ein paar Neuheiten der letzten Tage in Kürze. Legora hat „Skills“ gestartet, eine Bibliothek mit über 250 juristischen Arbeitsanweisungen für KI-Agenten23, und mit „Intake“ ein KI-Eingangstor für Rechtsabteilungen in Slack.24 Ironclad hat einen eigenen Vertragsagenten vorgestellt, der auf das Vertragswissen des Unternehmens zugreift.25 Ivo hat mit „Sage“ ein frei verfügbares Modell für Vertragsarbeit veröffentlicht, das Kanzleien selbst anpassen können.26 Und in China hat Z.ai ein eigenes Sprachmodell nur für juristische Aufgaben gestartet.27

Quellen und Anmerkungen

  1. Vgl. Kienbaum-Umfrage für die WirtschaftsWoche (2026), zitiert nach wirtschaft-und-industrie.de. ↩
  2. Vgl. Suliak, Umfassende Reform des Prozessrechts gefordert: Fluten „schamlose“ Anwälte die Justiz mit KI-Schriftsätzen?, Legal Tribune Online vom 25.09.2026. ↩
  3. Vgl. Hill, Breaking news: OpenAI unveils Astra for Law, Legal IT Insider vom 17.09.2026. ↩
  4. Vgl. Tromans, Harvey + Lexis, Google + Cooley, LI UK Tickets, Artificial Lawyer vom 09.10.2026. ↩
  5. Vgl. Tromans, Harvey + Lexis, Google + Cooley. ↩
  6. Vgl. Artificial Lawyer, AT&T + OpenAI Partner for Legal AI Workflows vom 08.10.2026. ↩
  7. Vgl. Hill, BMW Group to roll out Legora across its legal department, Legal IT Insider vom 08.10.2026. ↩
  8. Vgl. Wolters Kluwer, Wolters Kluwer expands Libra legal AI workspace with authoritative expert content from Kluwer Law International, Pressemitteilung vom 15.09.2026. ↩
  9. Vgl. Artificial Lawyer, Legal AI vs The Adversarial Incentive vom 12.10.2026. ↩
  10. Vgl. Sherman, Legal Tech Integration Promises Meet Implementation Realities, Legaltech News vom 09.10.2026. ↩
  11. Vgl. LawFuel, Ropes & Gray Gives Juniors 400 Hours to Learn AI. AT&T Is Already Cutting Its Firm List vom 13.10.2026. ↩
  12. Hubig, zit. nach Suliak, Reform des Prozessrechts gefordert. ↩
  13. Vgl. Suliak, Reform des Prozessrechts gefordert. ↩
  14. Vgl. LawFuel, Ropes & Gray Gives Juniors 400 Hours to Learn AI. ↩
  15. Vgl. BMJV, Achter Bund-Länder-Digitalgipfel der Justizministerinnen und Justizminister, Pressemitteilung 44/2026 vom 11.06.2026; Bayerische Staatsregierung, Achter Bund-Länder-Digitalgipfel der Justizministerinnen und Justizminister, Pressemitteilung vom Juni 2026; zum Termin der Justizministerkonferenz: Justizportal des Bundes und der Länder, Justizministerkonferenz. ↩
  16. Vgl. Hill, Harvey’s $15.5bn valuation: COO Katie Burke on what now, and what next, Legal IT Insider vom 17.09.2026. ↩
  17. Vgl. Hill, Legal tech news roundup: Major funding, acquisitions and new launches, Legal IT Insider vom 09.10.2026. ↩
  18. Vgl. Legal IT Insider, Webinar replay: Legal AI has a trust problem – Is disconnected data to blame? vom 09.10.2026. ↩
  19. Vgl. Hill, Legal tech news roundup. ↩
  20. Vgl. Hill, OpenAI unveils Astra for Law. ↩
  21. Vgl. Artificial Lawyer, Legal AI vs The Adversarial Incentive. ↩
  22. Vgl. Suliak, Reform des Prozessrechts gefordert. ↩
  23. Vgl. Hill, Legal tech news roundup. ↩
  24. Vgl. Legal IT Insider, Legora launches Intake: an „agentic front door for in-house legal teams“ vom 13.10.2026. ↩
  25. Vgl. Tromans, Harvey + Lexis, Google + Cooley. ↩
  26. Vgl. Hill, Legal tech news roundup. ↩
  27. Vgl. Artificial Lawyer, Chinese Company Launches Legal-Specific LLM vom 13.10.2026. ↩

Wissen aus der Praxis, jeden Monat.

Neue Beiträge, Termine und Einblicke aus dem Netzwerk – kompakt im Newsletter.